Arbeiter-Kind wird Arbeiter. Akademiker-Kind wird Akademiker.

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Sagt euch der sogenannte PISA -Schock noch etwas?

Vor vierzehn  Jahren, dass heisst im Jahre 2000, wurde zum ersten Mal die internationale Schulleistungsuntersuchung unter den 34 OECD Staaten durchgeführt.

Zahlreiche Befunde geben Anlass zu Besorgnis und halten dem deutschen Bildungssystem einen Spiegel vor, in den es am liebsten nicht hineinschauen will. Sowohl im Bereich der Lesekompetenz als auch im Bereich des mathematischen Kompetenzen schneidet Deutschland in Vergleich zu den anderen OECD Ländern schlecht ab. Ein hartes Ergebnis für das Land der Dichter und Denker!

Neben den Schock aufgrund der Defizite in den genannten Kompetenzbereichen bewegt die Öffentlichkeit damals, dass in Deutschland die soziale Herkunft einen sehr großen Einfluss auf den Bildungserfolg ausübt. „ Die Befunde aus PISA 2000 haben gezeigt, wie stark in Deutschland die soziale Herkunft und die Kompetenz von Jugendlichen zusammenhängen. Im internationalen Vergleich gab es damals nur wenige OECD Staaten, in denen die Kopplung zwischen dem sozioökonomischen Status und den gemessen Kompetenz so eng wie in Deutschland […] In PISA 2003 wurde diese Befunde bestätigt.“ (Ehmke & Baumert 2007).

In den Medien ist es mittlerweile ruhiger um die PISA Studie geworden. Doch trotzdem gilt plakativ und simpel ausgedrückt:

Arbeiter-Kind wird Arbeiter. Akademiker-Kind wird Akademiker.

Gute Bildung ist -nicht immer-  aber meistens der Schlüssel zum Erfolg

Metaphorisch gesprochen, ist die Bildung ein Schlüssel, der viele verschiedene Türen öffnen kann. Doch ist Bildung im 21. Jahrhundert immer noch ein Privileg und ein Luxusgut in Deutschland? Das Schulsystem wirklich eine Reproduktionstätte für soziale Ungleichheiten? Und wenn ja, welchen Einfluss hat dies auf den Bildungserfolg von Migrantenkindern?

Soziale Ungleichheiten von Bildungschancen trotz Bildungsexpansion vorhanden 

Tatsächlich erzielen die Bildungsreformen in 50er und 60er Jahren eine zunehmende Bildungsbeteiligung in allen Sozialschichten. Das heisst, mehr Kinder gehen zu Schule und geniessen eine immer bessere Bildung. Instutionelle, ökonomische und geographische Barrieren werden abgeschwächt oder gänzlich behoben.  Ein konkretes Beispiel dafür wäre die geschlechtsspezifische Aufhebung von Bildgunsdisparitäten. Mädchen dürfen nun auch in die Schule.

Eine Bildungsexpansion findet statt. Bedeutet dies, dass im Zuge der Bildungsexpansion soziale Ungleichheiten von Bildungschancen komplett aufgehoben wurden? Nein.

Immer mehr -und heutzutage nahezu alle -Kinder geniessen die Schulbildung. Viel mehr Menschen in der Bevölkerung sind höcherqualifiziert. Aber der Zusammenhang zwischen Schichtzugehörigkeit und Schulabschuss sind dennoch vorhanden. Das würde unter anderem Bedeuten, dass die Zugangschancen an das Gymnasium insgesamt für alle Kinder gestiegen sind, aber der Anteil von Kindern aus niederigenren Sozialschichten insgesamt immer noch gering ist. Im Jahre 1965 hatten Beamten Kinder eine 19-mal und im Jahre 1989 eine 11 –mal bessere Chance als Arbeiterkinder auf das Gymnasium zu wechseln. Der Einstieg ins Gymnasium wurde insgesamt –vor allem für die Mittelschicht- leichter. Gleichzeitig sank die Schülerquote auf der Hauptschule und verlor an Bedeutung und wurde immer mehr zur Schule der Arbeiterkinder. Das Gymnasium verliert damit im Laufe der Geschichte an exclusivität, während vor den 1950er Jahren seine Absolventen eine sehr exklusive Gruppe darstellten.
Die Hauptschule verlor als Volksschule an Bedeutung und die sozialstrukturelle Homogenität in der Hauptschule stieg.

Übersetzt: Großteil der Kinder in der Hauptschule sind Arbeiterkinder oder eben Kinder von arbeitslosen. Hier kann man also nicht mehr von Volksschule sprechen. Immer mehr Kinder besuchen das Gymnasium. Diese Kinder sind jedoch zum größtenteil aus der Mittel- und Oberschicht.

PISA hat bewiesen..

Aber kommen wir zurück zu heute bzw. zu den PISA Ergebnissen ab  dem Jahre 2000. Wir sprechen nun mehr nicht von Schichten sondern von der sozialen Herkunft. Benutzt wird auch der Begriff  „sozioökonomischer Status“.

Die PISA Ergebnisse zeigen wie stark in Deutschland die soziale Herkunft und die Kompetenzen/ Schulleistungen von Jugendlichen Zusammenhängen.   Im internationalen Vergleich gibt es nur wenige OECD Staaten, in denen die Verbindung zwischen dem sozioökonomischen Status und den Schulleistungen so eng ist.

Betroffen sind Kinder aus bildungsfernen Familien und Kinder mit Migrationshintergrund

Neben PISA gibt es weiter Schulleistungsstudien ( bsp,:LAU, TIMMS,IGLU), die  diese soziale Ungerechtigkeit bestätigen. Betroffen sind Schülerinnen und Schüler aus bildungsfernen Familien und Familien mit Migrationshintergrund.

Die aktuellste PISA Studie aus dem Jahre 2009 lässt zwar eine positive Entwicklung ablesen. Die Verbindung zwischen sozioökonomischen Status des Elternhauses und der von den Jugendlichen erreichten Kompetenzen ist im internationalen Vergleich immer noch hoch ausgeprägt.

Gründe bzw. Erklärungsversuche aus der Sozialwissenschaft

1. Soziale Position und Lebensstil

Hier ist wichtig, welche Kapitalausstattung einer Familie zur Verfügung steht. Um nicht zu theoretisch zu sein. Hier bedeutet Kapital nicht nur Geld sondern damit sind alle kulturellen, sozialen und symbolischen Mittel gemeint, die einer Familie zu Verfügung stehen. Und die eine Familie seinem Kind weitergibt.

Welche Ressourcen stehen der Familie zu Verfügung? Darunter kann man sich vorstellen: Bücher, Werte , Gewohnheiten, soziale Kontakte, Wissen, Sprachkultur, Lern- und Bildungsmotivation.

Neben Geld für Bücher oder Nachhilfe sind also auch wichtig Umfeld, die ganze Art und Weise der Eltern. Ihre Sprache, eigentlich ihr ganzes Handeln.

Das alles prägt die Kinder und ihren Schulerfolg. Je mehr Kapitel desto mehr Handlungsmöglichkeiten. Bedeutet letztendlich: bessere Noten. Besseren Abschluss.

2.Psychologie

Kinder die aus höheren Sozialschichten kommen wollen ihre gesellschaftliche Stellung bei behalten. Zudem kommt der Druck und  des Umfeldes dazu, die eine bestimmte Erwartungshaltung gegenüber dem Kind aufbringen. Erfolg wird als selbstverständlich angesehen.

3. Schulsystem

Das Bildungssystem trägt seinen Teil zum Aufbau sozialer Ungleichheiten bei. Sitzenbleiben, Sonderschulüberweisungen, das Einsortieren der Kinder am Ende der Grundschulzeit.

Das deutsche Schulsystem ist eine, die nach einem ständigen Homogenitätsideal strebt. Die Lerngruppe soll bloß gleich sein. Besser gesagt die Kinder in der Lerngruppe sollen alle auf dem gleichen Wissensstand sein und alle gleich „Intelligent“ sein. Egal wie sehr man sortiert oder selektiert. Die homogene Lerngruppe gibt es nicht. Alter, Geschlecht, Herkunft, Charakter, Lerntyp werden immer variieren. Die Tageslaune der Kinder sind sogar verschieden.

Gemischte Lerngruppen birgen viele Vorteile in sich. Dieses Sortieren der Kinder ist jedoch ein großer Faktor dafür, dass Kinder aus sozial schwachen Familien auf der Strecke bleiben auf ihren Bildungsweg bleiben.

4. Lehrereinstellung

Tragische Folgen haben Lehrerentscheidungen für Kinder mit niedrigem sozioökonomischem Hintergrund, wenn bei Lehrkräften eine Ignoranz gegenüber dem Phänomen sozialer Ungleichheit herrscht. Aus solchen Gründen entsteht Ungerechtigkeit im Schulwesen, die nicht durch Leistungsdifferenzen entstehen. Sondern  allein aus einer negativen Einstellung von Lehrpersonen. Nicht die Leistung des Kindes zählt sonder die Einstellung des Lehrers gegenüber dem Kind.

Kinder bestimmter sozialen Gruppen (Arbeiterkinder, Migranten) werden trotz erbrachter Leistungen schlechter behandelt als gleich leistungsstarker Kinder anderer sozialer Gruppen! Und das sind nicht meine Worte sondern bewiesene Tatsachen.Leider.

Aussichten

Das ist natürlich ein Armutszeugnis für unser Land. Bildungspolitisch wird in den letzten Jahren sehr viel versucht. Der Erfolg bleibt abzuwarten. Das Problem wurde zu mindestens eingesehen und wird nicht verleugnet.

Falls Interesse an dem Thema besteht können weiterer Beiträge folgen. Zum Beispiel zu dem Thema, was sich seit PISA verändert hat.

Meldet Euch über Facebook, Twitter oder Instragam!

Glückskindsblog wirbt für mehr Chancengleichheit in der Schule!

4 Kommentare zu „Arbeiter-Kind wird Arbeiter. Akademiker-Kind wird Akademiker.

  1. Hey, danke für’s Folgen! 🙂 Zu deinem Artikel hätte ich einen eigenen hinzuzufügen. Ich denke, die Rolle der OECD und die Validität der Studie ist durchaus relevant bei dieser Debatte: https://familietrifftschule.wordpress.com/2014/03/20/reformwahn-deluxe-wie-die-bildungspolitik-sich-von-wirtschaftlichen-interessen-versklaven-lasst-und-sich-dabei-vormacht-das-beste-fur-die-schuler-zu-tun/
    Zudem habe ich noch zwei Artikel-Empfehlungen:
    http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/bildungsabschluss-keine-nachteile-durch-deutsches-schulsystem-12830162.html
    und
    http://www.zeit.de/2014/11/schule-eltern-netzwerke-anette-fasang
    Würde mich über deine Rückmeldung dazu freuen.
    lg

    1. Hey,
      ich finde Dein Blog klasse und denke, dass ich viel daraus lernen kann. Ich brauch bisschen Zeit, um die
      Texte zu lesen und werde mich wieder melden!
      Danke! Freue mich auf den Austausch!
      Lg

  2. 1. Kritisch gegenüber Studien und deren Auftraggeber zu sein ist als Lehrbeauftragte/r eine sehr wichtige Eigenschaft. Wie sagte man eins so schön „Ich glaube nur der Statistik, die ich selbst gefälscht habe…“

    Richtig ist in dem Zusammenhang mit PISA auch, das man im Hinterkopf haben sollte das die OECD eine Wirtschaftsorganisation ist.

    Dennoch bestätigen weitere Studien wie beispielsweise LAU, TIMMS,IGLU die herkunftsbedingten Disparitäten im Bildungswesen.
    Viele Sozial- und Erziehungswissenschaftler haben darauf und auf andere Studien basierend Bücher über diese Problematik geschrieben.

    Ein sehr subjektives Argument kommt hinzu: An meiner eigenen Schulbiographie sowie aus meinem Umfeld. Migrantenkinder, die sogenannten „Arbeiterkinder“, Kinder aus ärmeren Verhältnissen kriegen wirklich schwieriger eine Gymnasialempfehlung als die restlichen Kinder.

    Gehen wir von mir aus: Ich habe in der vierten Klasse keine Empfehlung bekommen. Meine Noten waren tatsächlich nicht super gut. Aber auch nicht schlecht. Mich zeichnet aber Selbstständigkeit, Verantwortungsbewusstsein und Aufgewecktheit aus. Das reichte aber meiner Lehrerin nicht. Andere Mitschüler, die ähnliche Noten wie ich hatten, haben eine Empfehlung bekommen.

    Letztendlich habe ich auf eine Gesamtschule besucht. Dann auf ein Aufbaugymnasium gewechselt und Abitur erfolgreich bestanden. Viele der damaligen Mitschüler, die eine Empfehlung bekommen haben, sind doch einen anderen Weg gegangen.

    Somit würde ich den Artikel bestätigen,dass man in Deutschland durch Umwege Abitur machen kann bestätigen. Was an der ersten Tatsache nichts ändert, dass ich nicht direkt auf Gymnasium konnte.

    2. Sehr viele Reformen wurden in den letzten Jahren durchgesetzt. Das stimmt. Und nicht alle sind
    sinnvoll. Würde ich zumindest auch behaupten und den Aspekten im Zeit Artikel zustimmen.
    Ich bin auch kritisch im Hinblick auf den Offenen Unterricht. Ich finde Abwechslung zwischen zentrierten und offenen Unterricht am Besten. Zu Offen, keine Noten, kein Nachsitzen dem kann man kritisch gegenüber stehen. Trotzdem muss man sich der Problematik der sozialen Herkunft im Schulwesen bewusst sein.

    3. Die Rolle des Elternhauses ist unumschritten und wird in meinem Artikel angesprochen.

    4. Ich danke deinem Kommentar, da ich bis jetzt nicht viel Kritisches zu den PISA Studien gelesen hatte.

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