Sarrazin hatte nichts Neues erfunden

 

Thilo Sarrazin hat ein neues Buch. Das veranlasst mich einen Essay-Auszug  aus der Studienzeit mit Euch zu teilen.

Islamophobie und die Rolle der Medien

Zwangsehe, Ehrenmorde, Lehrerinnen mit Kopftuch, die den Schulfrieden stören, Islamisten, Fundamentalisten und Terroristen, diese Begriffe sind immer wieder in öffentlichen Diskursen und Medien präsent und prägen unsere Sicht auf “den Islam“ und “die Muslime“. Die Berichte in den Medien sind meist oberflächlich und gehen nicht auf die Hintergründe oder gar auf Entwicklungen des Geschehens ein. Zudem wird die einseitige Sichtweise auf eine vermeintlich homogene Gruppe, „den Muslimen“, durch andere Methoden wie das ständige Wiederholen von und das Arbeiten mit negativen Bildern unterstrichen. Die Medienwissenschaftlerin Dr. Sabine Schiffer redet in diesem Zusammenhang von

„[…] Schwarzweiß- und Worst-Case-Denken, Messen mit zweierlei Maß, Projektionen, Homogenisierung vielschichtiger Gruppen von außen und eine Fehlbeurteilung sich selbst erfüllender Prophezeiungen.“1 Weiterhin spricht Dr. Schiffer auch von Islamophobie, welche seit dem 11. September 2011 in Deutschland massiv zugenommen habe.

Weiterhin spricht Dr. Schiffer auch von Islamophobie, welche seit dem 11. September 2011 in Deutschland massiv zugenommen habe. Diese negative Sicht auf „den Islam“ und „die Muslime“ existiert aber nicht erst seit dem 11. September. Das schwierige Verhältnis zwischen „dem Westen“ und „dem Osten“, der „christlichen“ und „der muslimischen Welt“ das bedrohliche Bild von „den Muslimen“, welches in der westlichen Gesellschaft teilweise vorherrscht, ist also kein neues Konstrukt von Politik und Medien.

Sarrazin hatte nichts neues Erfunden.
Die  Wurzeln seiner und ähnlicher Gedanken sind historisch nachverfolgbar und reichen zurück bis ins Mittelalter. Besonders zum Vorschein kommt das Feindbild „Islam“ während des Kolonialismus. Diese Zeit hat ihren Einfluss bis in unsere heutige Zeit bewahrt. Die postkolonialistische Theorie beschreibt und kritisiert genau dieses Phänomen. Denn neben dem platten, populistischen Ausdruck „Feindbild Islam“ gibt es wissenschaftliche Theorien wie der Postkolonialismus, der Orientalismus und der kulturelle Rassismus, die die gesellschaftliche Sicht des Westens auf den Islam bzw. den Osten beschreiben.Definition der Postkolonialen Theorie

Laut der postkolonialen Theorie bedeutet Kolonialismus zum einen die Besetzung, die Kontrolle sowie die ökonomische Ausbeutung von Territorien und Völkern. Er beinhaltet er jedoch viel mehr, nämlich auch einen diskursiven Konstruktions- und Formationsprozess, in dem vor allem durch Kulturalisierungsprozesse und gewaltvolle Wissensproduktion (also durch gewaltsam wirkendes Denken und Sprechen; epistemische Gewalt) ein Verständnis von einem überlegenen „Europa“ und dem unterlegenen „Anderen“ geschaffen wird. Barskanmaz zitiert in diesem Kontext Stuart Hall, der mit einer kurzen aber treffenden Aussage diesen Prozess gelungen beschreibt: „The West and the Rest“ (Hall 1996, S. 184). Mit diesem sogenannten „Rest“ sind nicht nur Länder gemeint, die unter Kolonialherrschaft standen, sondern auch diejenigen, die in dieser diskursiven Darstellung unter der Definitionsmacht des Westens stehen. Die postkoloniale Theorie kritisiert die Hierarchisierung in diesem Diskurs, welches laut Barskanmaz ein wichtiges Element europäischer und weißer Identitätsbildung darstelle; es sei die Konstruktion eines aufgeklärten, zivilisierten, männlichen und weißen Subjekts, an dem das objektivierte Andere abwertend gemessen wird (Barskanmaz, S. 363).

„>Postkolonialismus< ist in diesem Sinne ein >Kolonialismus ohne Kolonien<“ (Ha 2005, S. 107).

Die postkoloniale Theorie ist auf der Grundlage des Buches „Orientalism“ von Edward W. Said entstanden. Said beschäftigt sich in seiner literaturwissenschaftlichen Studie mit der Frage, wie westliche Diskurse und Institutionen Wissen über den Orient produzieren und stellt die These auf,

„[…] dass sich im >Orientalismus< der Okzident gegensätzlich zum Orient konstruiert und dieser Diskurs der Legitimierung der Kolonialherrschaft dient“ (Said 1979, S. 2).
Der Orientalismus hat die Folge, dass der Orient zur einer bestimmten homogenen Kultur geformt wird. Der Okzident bestimmt die Gestaltung dieser diskursiven Formation, alles was zum Bild nicht passt wird ausgeblendet, die Orientalen selbst können das Bild nicht mitgestalten, werden zum Schweigen gebracht. In diesem Zusammenhang hat der Islam eine besondere Stellung, denn:
„Der Islam wird als ein monolithisches Gebilde konstruiert und der europäischen Moderne als unterlegen entgegengesetzt. Hier vollzieht sich die Transformation vom traditionellen Feindbild Islam zum >neuzeitlichen< Orientalismus, die gewisse Parallelen zur Verschiebung von mittelalterlich (religiösen) Antijudaismus zum (kulturellen, rassifizierten) Antisemitismus aufzeigt.“(Attia 2007, S.16).

Es wurde bereits erwähnt, dass der Postkolonialismus ein Kolonialismus ohne Kolonien ist. So wie die orientalischen Völker, die nicht kolonisiert worden waren, von den postkolonialen Ideen betroffen sind, herrschen auch in den Ländern postkoloniale Gedanken, die keine kolonialen Großmächte waren oder gar keine Kolonien besaßen. So kann man auch Gesellschaften wie die Deutschlands, Österreichs und der Schweiz als postkolonial definieren, da (post-)koloniale Diskurse in diesen Ländern vorzutreffen sind. Obwohl der „Postkolonialismus“ und der „Orientalismus“ grundsätzlich eine koloniale Praxis voraussetzen, kann man diese Behauptung aufstellen, da der koloniale „Orientalismus“ ein Teil des europäischen imperialen Denksystems ist (Schulz 2007, S. 49ff).
Dieses Denksystem äußert sich in Deutschland vor allem im bereits am Anfang dieses Essays angeschnittenen Islamdiskurs, indem die vermeintliche >frauenfeindliche Essenz< des Islam ein wichtiges Moment darstellt (Barskanmaz 2009, S. 365).

Diesen medialen Islamdiskurs kann man als Antiislamdiskurs bezeichnen, da ihre Akteure einen kulturell fundierten Neorassismus betreiben, der sich nicht auf auffällige körperliche Eigenschaften bezieht (wie in einem biologistischen Rassenkonzept üblich), sondern auf
„[…] die Zugehörigkeit zu einer konstruierten fremden Kultur als Markierungs- und Determinierungskriterium für die intellektuellen und persönlichen Eigenschaften der Betroffenen[…]“(Barskanmaz 2009, S. 365).

So werden antiislamische Stereotypen mit negativen Eigenschaften geschaffen, die die gegensätzlichen, positiven Eigenschaften der Mehrheitsbevölkerung hervorheben sollen. Den „Muslimen“ wird unter anderem fehlende Integrationsbereitschaft, der Missbrauch der deutschen Toleranz, Frauenfeindlichkeit und antidemokratische Gesinnung unterstellt. Es wird von einer Unaufhebbarkeit der kulturellen Differenzen“ Gesinnung unterstellt. Es wird von einer Unaufhebbarkeit der kulturellen Differenzen“ (Balibar 1990) gesprochen, die verbunden ist mit der Angst überfremdet zu werden.
KOMMT EUCH DAS BEKANNT VOR?
Falls ihr auf die Literaturhinweise achtet. Diese  rassistischen Phänomene wurde vor vielen Jahren schon beschrieben. So kann ich mich nur wiederholen.  Sarazzin macht, schreibt, spricht nichts Neues.
Interessant zu beobachten ist, dass nicht nur die Mehrheitsgesellschaft an diesem meist medialen und populärwissenschaftlichen Diskurs aktiv teilnimmt, sondern auch Personen mit Migrationshintergrund selbst wie Kelek oder Ates, die dann der Beweis für die Authentizität der Inhalte sein sollen. Das Kopftuch und damit gleichzeitig die Kopftuchträgerinnen stehen im Fokus dieses diskriminierenden, rassistischen Diskurses und dienen diesem sogar als Projektionsfläche.

Wenn Sarazzin von kleinen Kopftuchmädchen, die von den Türken produziert werden schreibt (Ja, das hat er wirklich geschrieben!)…  dann beweist er nichts Anderes, als dass die postkoloniale Denkstruktur immer noch in einigen Köpfen vorherrscht. Und seine Verkaufszahlen machen ihn reicher aber beweisen den Armut in den Gedanken.

 

 

 

 

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