Ich bin ein Kind. Ein Kind in Gaza

Ich bin ein Kind in Gaza, das stelle ich mir vor.

Was wäre das mildeste Übel, das mir passieren könnte?

Ich müsste mein Zuhause verlassen. Das Nötigste mitnehmen und mit meiner Familie umziehen. Wohin? Weit weg können wir nicht! Vorausgesetzt ich überlebe.

Wahrscheinlich werde ich Tote sehen, Blut und Angst in den Augen meiner Mutter. Vorausgesetzt sie überlebt.

Dann werde ich zerstörte Nachbarshäuser sehen und einfach nur fremde Häuser in Schutt und Asche. Vielleicht werde ich nicht vergleichen, wer weiß, wie alt ich bin. Aber eins ist sicher, ich werde es spüren. Dieses Stechen in der Brust. Dieses unwohle Gefühl im Bauch. Ich werde es sicher spüren. Das sieht man doch, an meinem Weinen. Oder an meinen leeren Blicken. Oder an meinen schlaflosen Augen.

Das schlimmste, was mir passieren kann ist, wie ich sehe, dass meine Eltern sterben, mein Onkel oder meine Tante. Vor meinen Augen.

Ich stehe eines Nachts auf, werde vielleicht aus Trümmern rausgeholt und merke, dass niemand mehr da ist. Niemand, dem ich angehöre.

Aber eigentlich bin ich doch nur ein Kind. Ein Kind, eben. Verspielt, verträumt, noch in meiner kindlichen Welt.

Vielleicht vergesse ich für ein paar Minuten oder auch Stunden meine Ängste, die Bomben.

Vielleicht schlummere ich für zehn Minuten. Und das Erwachen?

Ich spiele fünf Minuten. Ich spiele, möglicherweise am Strand einige Zeit Fußball mit Freunden. Doch mein Spiel wird unterbrochen…

Was passiert dann?

Als die Meldung kam, dass vier Kinder während eines Fußballspiels am Strand durch israelische Raketen getötet wurden, konnte ich dieses Schicksal nicht fassen und was dort passiert ist nicht begreifen. Als Mutter kann ich dieses Leid nur erahnen, es ist aber niemals vorstellbar. Es erscheint irreal.

Abgesehen von all den Gefühlen, die mich überkommen, die ich aber niemals in Worte fassen könnte, haben mich die aktuellen, schrecklichen Vorkommnisse dazu gebracht diesen Artikel zu schreiben.

In einem simplen Mutterblog, einem total irrelevanten Blog. Indem auch sinnfreie Fotos und Themen angesprochen werden. So ein Blog eben. Hier geht’s doch eigentlich um Kinder, um Freuden des Lebens, um idealistische Erziehungsstile und den neusten Trends in der Kindermode.

Aber da wollte diese Kind aus Gaza unbedingt rein. Es wollte sprechen im Glückskindblog, ohne ein Glückskind zu sein.

Zudem ist das Thema doch heikel. Deswegen passt es auch nicht hier rein. Lieber nicht ansprechen!

Zudem sollte doch mein nächster Beitrag zum Thema „ Mein Kind und seine Persönlichkeit“ sein.

Persönlichkeit! Darauf lege ich sehr viel Wert. Meine eigene Persönlichkeit, die meiner Freunde und die meines Kindes eben. Eine starke Persönlichkeit soll meine Tochter sein, so wünsche ich es mir doch. Deswegen wollte ich auch heute darüber schreiben.

Aber dann frage ich mich, welche Persönlichkeit wird das Kind aus Gaza haben?

Was für Erwachsene werden sie morgen sein, die heutigen Kinder in Gaza? Vorausgesetzt sie überleben!

Traumatisiert, ein Leben lang. Voller Hass oder einfach nur resigniert? Allein gelassen, jegliche Lebensfreude, Lebensziele, alle Perspektiven verloren?

Was werden wir in zehn bis fünfzehn Jahren von diesen Erwachsenen erwarten?

Werden es arme Erwachsene? Bestimmt ja. Aber nicht ihre materielle Armut schmerzt mich so sehr. Arme gibt es leider sehr viele. Doch das Kind in Gaza, das ist ein ganz besonderes Kind für mich. Deswegen durfte es auch hier zu Wort kommen.

 

Quelle und Links:

Der Autor und Publizist Jürgen Todenhöfer war Ort und erzählt von seinen Eindrücken:

http://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/morgenmagazin/videos/todenhoefer-massloser-angriff-der-israelis-auf-gaza-100.html

Auf seiner Facebook Seite sind aktuelle Bilder zu finden:

https://www.facebook.com/JuergenTodenhoefer?fref=ts

Ein weiterer deutscher Journalist und Zeuge über seine Erfahrungen in Gaza. Lesenswert!

http://www.zenithonline.de/deutsch/gesellschaft/a/artikel/warum-ich-palaestina-verlasse-004151/

 

2 Kommentare zu „Ich bin ein Kind. Ein Kind in Gaza

  1. Was für ein emotionaler Beitrag. Ich finde es aber toll, toll das mal jemand darüber schreibt, vielleicht anderen Menschen die Augen öffnet, vielleicht ein bisschen zum nachdenken anregt. Der Beitrag macht traurig, weil man helfen will, einem aber einfach die Hände gebunden sind.
    Ganz liebe Grüße
    Anie
    http://www.fashanie.com

  2. Es ist mir immer wieder absolut unbegreiflich, was Menschen auf unserem Planeten machen. Dass die meisten offenbar keine Gefühle haben, kein Mitgefühl, offenbar keine Menschen die sie lieben, keine Kinder die sie lieben, sonst würde es doch so etwas nie geben, oder? Ich frage mich, wann dieser Unsinn hier einmal aufhören wird…

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